Im Alltag treffen wir immer wieder mal auf Situationen, die wir für uns als stressig empfinden. Um sich zu regulieren, bewegen sich viele innerhalb des Ressourchen-Bereichs – und jeder hat seine Technik, mit dem Stress umzugehen. Was passiert aber mit uns, wenn wir es NICHT schaffen, uns innerhalb des Ressourcen-Bereichs zu bewegen? Was ist, wenn wir uns mit Entspannungstechniken nicht mehr erden können?

Überspannungsbogen
Durch seelischen Stress oder traumatische Erfahrungen, die wir erlebt haben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir uns ständig im Überspannungsbogen befinden. Dieser Zustand ist gilt dann als Normalzustand für den ganzen Tag – jeden Tag. (Im Übrigen können für jeden einzelnen Menschen Traumata aus ganz unterschiedlichen Erlebnissen, die stattgefunden haben, entstehen.)

Woran merke ich, dass ich mich im Überspannungsbogen befinde?
Sind wir ständig im Überspannungsbogen, stehen wir ständig unter Strom. Wir finden keine Ruhe und haben viel zu viel Energie im Körper (z.B. räumen wir ständig auf oder putzen ständig, kümmern uns um dies und das…). Zum Teil ist Ruhe dann schon sehr unangenehm und wir fühlen uns schlecht, wenn wir mal tatsächlich auf der Couch gelandet sind oder mal an eine Pause im Sonnenschein denken. Wir sind ständig in Bewegung angespannt, schnell wütend oder reizbar und legen jedes Wort auf die Goldwaage.

Unterspannungsbogen
Hat der Körper dann doch sein Limit erreicht, beginnt die Talfahrt in den Unterspannungsbogen. Rasant und ganz automatisch! Wir können nichts dagegen tun. Uns ist alles viel zu viel. Wir hängen auf der Couch herum oder kommen gar nicht erst mehr aus dem Bett. Manche fallen in eine Art Dornröschen-Schlaf. Es ist, als hätte jemand den Stecker heraus gezogen. Es ist alles egal. Wirklich alles und nichts geht mehr!

Bildlich kann man sich das so vorstellen:

Worauf will ich hinaus?
Das Kern-Thema hier ist die Konzentration und das Fokussieren im Alltag – auf die normalsten Dinge… und dass das an manchen Tagen oder Tagesabschnitten ein totoaler Kraftakt sein kann. Und.. Es ist für andere nicht nachvollziehbar!

Wie fühlt es sich an?

  • Es scheint so, als könne kein Gedanke zu Ende gedacht werden.
  • Und schlimmer noch: Je öfter man aus den Gedanken gerissen wird, desto schlimmer wird es.
  • Je öfter man versucht, sich wieder auf die eigentliche Sache zu konzentrieren, desto verbissener wird man. Einfach nichts sinnvolles gelingt.
  • Das kann dann noch getoppt werden
    durch die typischen Gedanken: „Noch nicht mal so was kann ich“, „Ich krieg aber auch gar nichts auf die Reihe“ „Bin ich echt so blöd?!“
    Bis zur Überzeugung davon: „Ich bin echt zu blöd dazu!“ 
    Also.. Totale Selbstzerfleischung –
    und völlig unangebracht!

Es ist keine Energie mehr im Körper und gesetzte Tagesziele werden komplett ausgeblendet. Es ist egal ob sich das Geschirr in der Küche türmt, die Schmutzwäsche im Keller sammelt, ob das Kind versorgt ist oder man Oma zugesichert hat, den Einkauf zu übernehmen. Auch für den vereinbarten Zahnarzttermin werden ausreden erfunden – wenn man überhaupt noch in der Lage ist, einen Anruf zu tätigen. Das Treppensteigen fühlt sich wie ein Marathon-Lauf an und der Alltag ist überhaupt nicht mehr möglich. Es ist alles einfach nur scheißegal!

Beide Zustände sind furchtbar

Das Gefühl, sich im Überspannungsbogen zu befinden, ist ein bekanntes und geliebtes Gefühl!  Doch nur zunächst… Denn der Schein trügt!

Wir funktionieren – es läuft – alles automatisch – Mega – Alles ist unter Kontrolle! Perfekt!

Doch sind wir nicht bei uns selbst. Wir merken kaum bis gar nicht, wann eigene Grenzen erreicht sind und gönnen uns keine Ruhe. Wir sind schusselig und vergesslich und nicht strukturiert. Doch in der Ruhe liegt die Kraft. Tatsächlich…

Doch schon dreht sich das Karussell wieder…
Wir drehen und drehen, bis der Körper dem schließlich erneut ein Ende bereitet und in die Unterspannung geht. Sich daraus wieder zu motivieren ist sooo unglaublich schwer – und manchmal hilft nur warten und hoffen, dass es schnell vorbei geht.. Hoffentlich! Und das allein schon – der Gedanke daran – lässt die Angst in uns keimen, wieder in eine Depression zu fallen. Doch wir können nicht anders – es läuft alles automatisch ab.. Haben wir es geschafft, aus dem Tief zu entkommen, drehen wir wieder. Wieder und wieder und wieder und wieder…. DOCH NUN IST SCHLUSS DAMIT!

Das Geheimnis, dem zu entkommen, ist die ACHTSAMKEIT!
Sie ist der Motor, der uns am Laufen hält – und zwar weder hochtourig noch untertourig… Sondern Energieschonend!

Wenn die Spitze des Überspannungsbogens erreicht ist…

Wie fühlt es sich an?

  • Das unvorhergesehene Klingeln des Telefons oder der Türgschelle bringt ein scheinbares Chaos in den Tag
  • Das Tapsen der kleinen Hundefüßchen auf dem Laminat macht wahnsinnig
  • Das Summen der Fliege im Zimmer macht totoal aggressiv – man wartet drauf, dass sie wieder los fliegt…
  • Man kann sich auf nichts konzentrieren und ist auch noch totoal gedankenlos
  • Dabei will man doch nur diese eine Sache zu Ende bringen

Typische Aussagen von Anderen:

  • Nie erreicht man Dich
  • Du meldest Dich immer nur, wenn Du es willst

    (Dabei traut man sich schon gar nicht mehr, sich überhaupt irgendwo zu melden, weil man mit solchen Stress-Situationen (Beziehungen) ja gar nicht umzugehen weiß und das bedeutet nur noch mehr Stress…
    AUßERDEM… Der Status des Überspannungsbogens lässt ohnehin oftmals schon kaum Raum für Gespräche mit anderen)

Was passiert da in unserem Körper?

Befinden wir uns im Überspannungsbogen, ist der Parasympathikus aktiviert und wir sind im Kampf- oder Fluchtmodus. Das bedeutet, dass der Körper alle Funktionen, die er nicht zur Flucht oder Kampf braucht, abschaltet. (Das ist eigentlich schon eine coole Sache). Aber es bedeutet somit auch, dass wir nicht mehr in vollem Umfang auf unsere Großhirnrinde zurückgreifen können (der Körper ist gerade damit beschäftigt, sich auf etwas anderes vorzubereiten).

Die Großhirnrinde oder auch Cortex genannt, übernimmt in unserem Gehirn vielfältige Aufgaben der menschlichen Sinneswahrnehmung. Sie ist die Grundlage unseres Gedächtnisses und somit zuständig für das Speichern von Informationen. Der Verstand, zielorientiertes Handeln und die Entstehung von Gefühlen sind Vorgänge des Cortex. (siehe auch: https://medlexi.de/Gro%C3%9Fhirnrinde oder https://www.dasgehirn.info/grundlagen/anatomie/der-cortex)
BildQuelle: https://www.medizin-kompakt.de/grosshirnlappen

DAS BEDEUTET: Dieses kleine aber unglaublich komplexe Gebilde in unserem Gehirn steuert so unglaublich viel – Es übernimmt die Regie in unserem Leben. Doch wenn wir uns im Überspannungsbogen befinden, können wir es nicht abrufen. Beispiele aus dem Alltag: Wir können uns schlecht bis gar nicht konzentrieren oder fokussieren, es wird fast unmöglich Entscheidungen zu treffen und genauso anstrengend ist das Priorisieren von Handlungen. Und das im Alltag…  An schlimmen Tagen schafft man es noch nicht mal, seinen Tagesablauf zu organisieren und priorisieren. Das macht einen schier wahnsinnig!

Auch wenn man eigentlich müde ist, was oftmals gar nicht wahrgenommen wird, trägt man tatsächlich noch diese Energie in sich. Der Körper braucht etwa 20 Minuten, um diese Energie loszuwerden. Um die Emotionsregulation anzuregen, gibt es ein paar Dinge, die man tun kann um die angestaute und überschüssige Energie loszuwerden.

Hier ein paar Methoden um angestaute Energie aus dem Körper zu transportieren:

  • Hüpfen
  • Stampfen
  • Tanzen
  • Walken, Joggen, Laufen
  • Brotteig kneten
  • Sport, Boxen
  • Stresshocke

Bleibt die überschüssige Energie im Körper, hängen wir in einer Schleife fest

FAZIT: Je länger wir die eigenen Bedürfnisse zurück gestellt haben, desto höher wird die Anspannung im Körper. Durch Achtsamkeitsübungen lernen wir uns und unsere Bedürfnisse kennen und können ihnen nachgehen. Der innere Konflikt ist die häufigste Ursache für ein Burnout.
(Für so manches Pflegekind kann es eine erlernte Strategie sein, seine Bedürfnisse unter die der anderen zu stellen)

9. Juni 2020